Gedankenraum

Wortsalat und Bilderdenken

In letzter Zeit begegnet mir eine meiner ungeliebteren Eigenschaften besonders häufig: Mir fehlen die Worte. Mir haben tendenziell schon immer die Worte gefehlt. Was ich dagegen in Massen besitze, sind Bilder.

Ich bin ein Bilderdenker. Das Problem ist nicht, diese Bilder aus meinem Kopf herauszubekommen, wenn ich schreibe. Schreiben ist toll. Beim Schreiben habe ich die Zeit, die ganzen Bilder wunderschön zu ordnen und in ihrer nettesten Reihenfolge aufs Papier zu bannen. Beim Schreiben schadet es auch überhaupt nicht, wenn ich mal etwas ausführlicher, etwas bunter oder etwas dreckiger zugange bin: meistens macht es den Text ja lebhafter, wortwörtlich „bildhafter“ und farbenfroher. Beim Schreiben ist das Bilderdenken überhaupt kein Problem.

Beschissen wird es beim Reden. Beim ganz normalen, alltäglichen Sprechen. Dabei rede ich furchtbar gerne und zeitweise auch richtig viel. Das Problem ist nur: vor lauter Bildern im Kopf gibt es Knoten in den Worten. Die Auswahl der zur Verfügung stehenden Begriffe ist zu groß, das Tempo der Gedankenbilder zu hoch und der demzufolge hektische Griff ins Wörterregal oft unpräzise. Folge für die Worte: Es kommt keins. Es kommen zwei gleichzeitig. Ich mache aus zwei möglichen Worten eine spontane Neuschöpfung unter Verwendung von Silben aus beiden. Ich komme nicht auf eins und wähle aus ähnlich klingenden ein so ähnliches, aber komplett deplatziertes Wort.  Für Leute, die mir gegenüber sitzen, entweder ein Quell spontaner Freude („Und, wart ihr schön am Schwanz spazieren?“) oder handfester Grund am Zweifel meiner intellektuellen Grundfertigkeiten (oder zumindest nehme ich an, dazu allerbesten Grund gegeben zu haben).

Ich fange an zu stottern. Ich beginne einen Satz und weiß nicht, wie ich ihn begonnen habe, wenn ich ihn beende. Manchmal klingen meine Wortfetzen, als hätte mir Kurt Schwitters höchstpersönlich in den Kopf geschissen. Einen Satz, so lang wie ich ihn hier schreibe, würde ich in Natura an den meisten Tagen überhaupt nicht herausbringen. Es liegt nicht am Vokabular. Mein Deutsch ist völlig in Ordnung, und ich kenne genug Worte, um mich auch überschwänglich auszudrücken. Ich bin in der Lage, Vorträge zu halten und wissenschaftliche Publikationen zu schreiben. Nur stehen mir die Worte in dem bunten Chaos in meinem Kopf irgendwie nicht zur Verfügung, wenn ich sie dringend in der alltäglichen verbalen Kommunikation benötige.

Aus diesem Grund hasse ich es, zu telefonieren. Aus diesem Grund schweige ich sehr gerne. Aus diesem Grund explodiere ich, wenn mein Freund mich wegen kleiner sprachlicher Imperfektionen aufs Korn nimmt. ICH WEISS ES JA! Vielleicht sollte ich einfach nur noch alles skizzieren, eine Klangcollage erstellen, zum Dadaist werden, einen Block bei mir tragen und das Wichtigste dem Gegenüber niedergeschrieben vor die Nase halten. DAS WOLLTE ICH SAGEN, DU PENNER! Dann würde die Zahl der Gegebenheiten, bei denen ich mir wie ein Analphabet des gesprochenen Wortes vorkomme, mit Sicherheit abnehmen.

Vielleicht. Oder auch nicht.

Eigentlich ist das Schlimmste an dieser kleinen Hirnbesonderheit in meinem Fall ja nicht, dass sie existiert, sondern dass ich damit in dem akademischen Umfeld von sehr belesenen, sehr wortgewandten, grundsätzlich sehr präzisen und sehr kritischen Menschen das Gefühl habe, von einem Fettnapf in den nächsten zu stolpern. Wer ist nochmal diese wissenschaftliche Mitarbeiterin hier, die sich gerade einen abstottert dabei, zu sagen, dass sie das Protokoll erhalten hat? Die soll unseren Thesaurus überarbeiten? Die hat ja nicht mal ein eigenes kontrolliertes Vokabular!

Bis dahin finde ich es super, schreiben zu können. Dir schreiben zu können. Vielleicht hast du ja einen genauso spannenden Komplex. <3

Und für die Wissenschaftler da draußen: nein, ich nenne nicht 20 weitere Quellen für mein Bilderdenken. Ich vertraue Anne Heintze bei ihren Beobachtungen. <3

Lieben Gruß! 🙂

 

Übrigens, aus dem oben bereits verlinkten Artikel hier die Checkliste: bist du auch ein Bilderdenker?

    • Ich habe einen guten Sinn für Humor
    • Ich bin kreativ und phantasievoll
    • Auswendig lernen fällt mir schwer
    • Ich habe ein schlechtes auditives Gedächtnis
    • Ich habe ein sehr gutes visuelles Gedächtnis
    • Ich liebe Tagträume und habe ein reiches Phantasieleben
    • Rechenaufgaben liegen mir nicht, schon gar nicht Kopfrechnen
    • Geometrie ist mir in der Schule allerdings leichter gefallen
    • Im Leseverständnis bin ich sehr gut, aber ich lese langsam
    • Schriftliche Aufgaben zu verstehen fällt mir schwer, ich muss erst nachdenken
    • Rechtschreibung und Worterkennung gehören nicht zu meinen Stärken
    • Ich bin sehr impulsiv, handle schnell und denke dann erst danach
    • Ich liebe Musik und habe eine intensive Beziehung zu ihr
    • Meine Handschrift ist nicht gut leserlich
    • Ich liebe Fernsehen, Kino und Theater
    • Als Kind habe ich schriftliche Hausaufgaben gerne „vergessen“
    • Computer faszinieren mich, vor allem auch Grafikprogramme
    • Das „große Ganze“ vergesse ich selten, die Einzelheiten dagegen oft
    • Ich lasse mich leicht ablenken und bin sehr begeisterungsfähig
    • Zeichnen und Gestalten liegt mir sehr
    • Ich bin mir über viele Dinge bewusst, aber manchmal fehlen die Worte dazu
    • Manchmal habe ich ein sehr schlechtes Zeitgefühl
    • Ich bin sehr intuitiv, habe sprunghafte Einsichten und Ahnungen
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    1. Liebe Sonja,
      auch ich habe mehrer Schwächen und eine Schwäche (ich würde nicht so weit gehen es Komplex zu nennen) ist, ich liebe Redewendungen und kenne einige. Allerdings ist die Art der Überbringung dieser Redewendungen u. U. schwierig. Ich bringe fast grundsätzlich immer irgendwas in dieser Redewendung durcheinander, verdrehe oder lasse etwas aus. Jeder weiß was ich meine, aber fast jeder zieht mich deswegen auf oder lächelt höflich um nicht laut loszuprusten. Gut zugegeben, da kommen schon lustige und abenteuerliche Sachen zustande 🙂 und ich muss jedes Mal mitlachen, wenn ich meinen Fehler wieder einmal bemerkt habe und mich schnell korrigiere, aber da ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. In solchen Momenten sind meine Gedanken oft schneller als dass ich es korrekt in Worte ausdrücken kann. Wenn ich dann mal etwas korrekt gesagt habe schauen mich alle ungläubig an und ich bin total stolz auf mich :-).

      Was ich damit sagen will ist, ich nehme es mit Humor. Diese Schwäche und noch einige andere 😉 sind ein Teil von mir und machen die Person aus die ich bin. Ich akzeptiere sie und lache mit den anderen wenn wieder mal „ein Loch ohne Boden“ oder ähnliches aus meinem Mund kommt :-))

      Also sei nicht so streng zu dir selbst 😉

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