Gedankenraum

Übers Zugeben

Die größte Herausforderung des letzten Jahres?

Eingestehen. Zugeben, was ist – und vor allem, was nicht.

Frag mich, wofür ich in den letzten Jahren die meiste Energie aufwenden musste, und ich sage dir: für das Festhalten an Vorstellungen dessen, was ich kann, was ich schaffe, was ich habe und was ich bin. Wer ich bin.

Was ich dachte zu sein und liebend auch gerne gewesen wäre, war: eine glücklich verheiratete Frau, die in der wahren Idylle einer schönen und gemütlichen Fachwerkhaus-Wohnung auf dem Dorf mit ihrem Mann und zwei Katzen lebt, in ihrem Job erfolgreich ist und einen Haufen Perspektiven sieht, ein Masterstudium erfolgreich absolviert hat, jede Menge Zukunftspläne schmiedet und in ihrer Freizeit nicht nur jede Menge bereichernde Kontakte hat und weitere knüpft, sondern sich auch noch hingebungsvoll um den großen wilden Garten und all die Blumen kümmert, immer Zeit für ein Schwätzchen mit den Nachbarn und immer freundlich, hilfsbereit und beliebt. Nebenbei arbeit sie unermüdlich, kreativ und inspiriert durch eine Menge Online-Kurse fleißig daran, den wahren Kern ihrer Berufung kristallklar rauszuarbeiten, um dann demnächst mit einem eigenen „Business“ voll durchzustarten und nur noch das zu machen, worauf sie so richtig Lust hat.

In meinem Masterplan war mein Mann meine rechte (nee, linke) Hand und unterstützte mich tatkräftig, die Katzen mein Tor zu flauschiger Gelassenheit, unsere Wohnung und das Dorf als Kraftquelle, Inspirationsort und Heimat unübertroffen, und sämtliche Schwierigkeiten oder Unbehaglichkeiten führte ich zurück auf entweder: Geburtswehen auf dem Weg in Neues oder: einfach nur Tagesform, vorübergehend, ein Anflug von Erkältung.

Ich habe mir eine schöne Kulisse gebaut, ein wunderbares Bild. Ein richtiges Demoplakat, bunt und übergroß, das ich hochgehalten habe und jedem damit unter der Nase rumgewedelt: seht ihr, ich hab´s geschafft! Die verpeilte, ziellose Sonja hat was auf die Reihe gekriegt! Kommt mich alle besuchen, guckt, wie glücklich ich bin! Auch mit einer Scheißkindheit kann man noch was hinkriegen, was euch wenigstens ein kleines bisschen beeindruckt, wenn man sich anstrengt, und gebt´s zu: damit habt ihr nicht mehr gerechnet, oder???

Bis mir die Arme lahm wurden. Bis das Schild schließlich runterkrachte, mit Schmackes. Und ich keine Lust hatte, es zu kitten und wieder hochzunehmen. Nicht mehr. Ich war zu platt.

In den meisten Fällen gucken wir lieber ins Licht statt in den Schatten. Ich bin super darin, das Gute zu sehen und zu feiern, aber das Suboptimale gepflegt auszublenden. Wozu da hingucken, wenn ich die Sonne feiern kann?!

Aber es gibt Momente, in denen sogar ich hingucken muss. Zum Beispiel, wenn mir etwas so kräftig runterkracht wie mein Demoplakat des glücklichen Landlebens.

Mein ach so perspektivenreicher Job: Stagnation seit zwei Jahren, die Hoffnung, nach dem Master dort wachsen zu dürfen: ungewollt, neue Tätigkeitsfelder: eine schöne neue Excel-Tabelle vielleicht in drei Monaten, mehr Verantwortung: allein die Frage danach pure Majestätsbeleidigung! Glaubst du etwa, wir kriegen das ohne dich nicht hin, oder was???

Mein sonstiges Lebensumfeld: habe ich geschaffen und mir zurechtgebaut, ohne zu fragen, ob es Bock darauf hat. Mein Mann hat keinen Bock auf Garten. Auch nicht auf Heimwerken. Nicht auf Putzen, nicht auf Mitdenken, nicht auf Katzenpflege, nicht auf Dinge außerhalb seines Computers und seiner Selbstfindung und seines Jobs. Meine Wohnung hatte keinen Bock darauf, von mir allein bespielt zu werden, sie schrie mir statt dessen entgegen, dass sie sowieso viel zu groß sei und ich unfähig, mich um alles alleine zu kümmern. Scheiße. Sie hatte natürlich Recht. Der Garten protestierte mit Verwilderung, und ihn konnte ich auch verstehen.

Eigentlich konnte ich sie alle verstehen. Ich hatte ja keinen gefragt, ob er Teil meiner Kulisse sein will.

Und all die Kontakte, Freunde, Nachbarn? Ich traf ja kaum jemanden. Ich ging nicht gerade auf sie zu. Vielleicht, weil es mir zu anstrengend wurde, immer zu lächeln und zu erzählen, wie toll alles ist. Weil ich mir ausmalte, wie ihnen die Kinnlade runterfällt, wenn ich sage: „Ich fühle mich alleingelassen. Ich fühle mich überfordert. Ich stecke hier fest. Ich komme nicht vor und zurück, und ich schäme mich in Grund und Boden, zugeben zu müssen, dass ich euch was vormache.“ Wie sie sagen würden: „Und wir dachten…“ oder „Aber es war doch alles so super…?“

Als nichts mehr ging, mit dem Rücken zur Wand, bin ich gesprungen, mit Anlauf, nach vorne, nirgendwo runter, sondern raus aus dem Schlamassel. In einen neuen Job, in eine neue Wohnung, in eine neue Stadt, in ein neues Leben, auch wenn das jetzt sehr pathetisch klingt, aber BÄÄÄM! so war es.

Und der Schlüssel dazu, dass das plötzlich möglich wurde, lag darin, zuzugeben. Der Wahrheit ins Auge zu blicken und mir einzugestehen, dass die Realität nicht mitspielt, dass die Schere zwischen Sein und Schein aufklappt und ich schon immer scheiße im Spagat war. (Bei aller Hypermobilität, aber das hab ich wirklich nie hingekriegt.)

Und Abrakadabra – plötzlich war der Flow wieder da. Deswegen ist das hier auch kein Heul-Post, und ihr müsst mir auch keine Taschentücher schicken: ich will nicht mehr und nicht weniger berichten, als dass es das Schönste auf der Welt sein kann, wenn plötzlich der Ballast von dir abfällt, wenn dir liebe Menschen versichern, dass du so was von okay bist, nachdem du die Hosen runtergelassen hast, und dass du immer okay warst und dass du ihnen nichts vormachen musst.

Das soll ganz klar eine Ermutigung sein! 🙂

Es geht mir gut, richtig gut. Und wisst ihr was? Das, was ich vorher krampfhaft hochgehalten und damit ins Leben gerufen habe, kommt jetzt von alleine. Ohne Kulisse. Ganz in Echt.

 

 

 

 

 

 

  1. Du bist die Beste, einfach eine wunderbare und starke Frau. Ich bin so stolz auf Dich.

    Loadsalumpsalove

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