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Über Kinderzimmertapeten

Ich konnte als Kind Schafe zählen bis zum Abwinken. Ich glaube aber, ich habe niemals praktischen Gebrauch davon gemacht, und ich habe erst Jahre später begriffen, dass ich dazu wirklich wörtlich in der Lage gewesen bin.

Heute nehme ich dich mit auf einen Ausflug. Wir reisen zu deiner Kinderzimmertapete.

Kannst du sie schon vor deinem inneren Auge sehen? Ich sehe meine ganz genau vor mir. Meine Kinderzimmertapete war beige mit braunen Schafen drauf, und an der Wand, an der unser Etagenbett stand, war sie umgekehrt braun mit beigen Schafen drauf. (Ja, braun und beige – ich bin 1980 geboren; meine Kindheit war geprägt von den satten, warmen Farben der ausgehenden 1970er Jahre.)

Die Schafe waren nur vereinfachte Silhouetten; sie guckten alle in die gleiche Richtung und waren in Reih und Glied aufgestellt. Ich konnte als Kind Schafe zählen bis zum Abwinken. Ich glaube aber, ich habe niemals praktischen Gebrauch davon gemacht, und ich habe erst Jahre später begriffen, dass ich dazu wirklich wörtlich in der Lage gewesen bin.

Wenn ich in meinem Bett gelegen habe, war direkt an meinem Gesicht eine Naht, wo zwei Tapetenbahnen aneinanderstießen. Daran habe ich immer herumgeknibbelt und mit den Jahren einen quadratdezimetergroßen Schaden an der lieben Schaftapete angerichtet.

Die Tapete ist dann ganz plötzlich verschwunden: meine Mutter und ihr Lebensgefährte renovierten das komplette Zimmer, während meine Schwester und ich im Urlaub waren. Als wir zurückkamen, waren die gemütlichen braunen und beigen Schäfchen einem 80er-Jahre-Streifenmuster mit Schaumstruktur in Pastell und Weiß gewichen und die bunt zusammengewürfelten Möbel durch ein „Jugendzimmer-Programm“ in Sperrholz mit Esche-weiß-Furnier ersetzt worden.

Hin und wieder kommt es vor, dass ich bei der Arbeit unter vielen anderen Schichten eine Kinderzimmertapete freilege. Dann gucken mich die Segelboote, die Teddybären, die Blumen oder die Luftballons eines anderen Kindes an. Es sind nicht meine Erinnerungen, in denen diese Tapeten vorkommen. Trotzdem wandern meine Gedanken zu dem unbekannten Kind. Wie lange waren diese Motive wohl verborgen? Wie alt mag das dazugehörige Kind jetzt sein und wo lebt es? Ob es in diesem Zimmer eine schöne Zeit verbringen durfte? frage ich mich mit einem Anflug von Wehmut. Ich wüsste gern, ob diese Tapeten jemand noch einmal sehen wollen würde, bevor ich auch diese Schicht entferne. Oder ob ich ein Foto davon machen soll, über das sich dann jemand freut.

Aber dann denke ich mir: bestimmt hat auch dieses Kind, wo auch immer es jetzt ist, genau wie du und ich ein Bild von seiner Kinderzimmertapete an einem besonderen Ort in seinem Gedächtnis, wohin es sich jederzeit zurückträumen kann.

Ich liebe solche Geschichten und Erinnerungen. Magst du mir von deiner Kinderzimmertapete erzählen? 🙂

 

P.S.: Foto von Gerd Kapica. Ich bin der Pumuckl. :-p

 

 

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