Gedankenraum

With a little help from my Teufelchen

Es gibt Dinge, die du und ich nicht ändern können. Es gibt viele Menschen, die dennoch all ihre Energie darauf verwenden, sich daran aufzureiben, dagegen kämpfen, es nicht akzeptieren, kurz: Kraft vergeuden, die ihnen für die Dinge im Leben, die sie sehr wohl ändern können, und für ihre Lieben fehlt.

Als ich das letzte Mal der Arbeit wegen in einer Ferienwohnung untergebracht war, hing dort ein großartiger, fürchterlich kitschiger Teller in der Küche an der Wand mit dem wunderbaren Spruch:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Reinhold Niebuhr

Sonja, das ist für dich, dachte ich mir, und als ich zwei Tage später mit einem (auf der Arbeit geholten) Bänderriss auf den gleichen Teller starrte, dachte ich immer noch: so, gleich mal in die Praxis übertragen! (Im Prinzip ist es mir übrigens egal, ob Gott, das Universum, das Leben an sich oder wer im Kosmos auch immer mir und dir Gelassenheit gibt. Vielleicht müssen wir uns auch einfach selber drum kümmern.)

Jedenfalls: es gibt Dinge, die du und ich nicht ändern können. Es gibt viele Menschen, die dennoch all ihre Energie darauf verwenden, sich daran aufzureiben, dagegen kämpfen, es nicht akzeptieren, kurz: Kraft vergeuden, die ihnen für die Dinge im Leben, die sie sehr wohl ändern können, und für ihre Lieben fehlt.

Auch ich habe mich eine ganze Weile in meinem Selbstmitleid und mit meiner „Opferitis“ sehr wohl gefühlt: wieso konnte ich zum Beispiel nicht eine unterstützende, motivierende Akademikerfamilie haben?! Wieso muss ich mich so um Dinge bemühen, die andere scheinbar hinterhergeworfen bekommen? Wieso durfte ich mich nie so verwöhnt aufführen, wie es manche jüngeren Mädels in meiner Umgebung tun? Wieso, wieso, wieso?

Gut, dass das Leben und seine Helfer dafür gesorgt haben, dass ich mit den Jahren etwas klüger wurde und irgendwann den Clou mit der Eigenverantwortung kennen lernte: Sonja, lernte ich, es ist DEIN verdammter Job, gut für dich zu sorgen und das Beste aus deinem Leben zu machen! Und nicht der von irgendwem anders!

Es half: Anstatt zu heulen über blöde Dinge, die ich nicht ändern kann, tut es mir mittlerweile richtig gut, mich umso mehr um die Lebensbereiche zu kümmern, die ich sehr wohl ändern kann! (Okay – von Zeit zu Zeit gebe ich mich gepflegt meinem Selbstmitleid hin, aber nur kurz 😉 )

Und für die Bereiche, in denen ich nichts ändern kann, haben mir drei Werkzeuge großartige Dienste geleistet:

1.) Es anerkennen.

Ja, ich weiß, einfach ist das nicht, aber mal ehrlich: wenn du es anerkennst, sparst du wirklich jede Menge Energie. Die hast du dann zur Verfügung für Herzensdinge, was viel besser ist. Für Dinge, die du sehr wohl ändern kannst. Das heißt nicht, die Flinte ins Korn zu werfen, auch wenn es dir so vorkommen mag: wir reden von Umständen, die du wirklich nicht ändern kannst, und da hilft es einfach enorm, es auch mal gehen zu lassen.

Let go.

est la vie.

2.) Humor!

Du kannst es nicht ändern? Probier´s mit Galgenhumor – und du wirst dich garantiert ein bisschen besser fühlen. Das meine ich ernst. Es ist ein wunderschönes Gefühl, wenn der dicke fette Klumpen der Beklemmung, der Wut, des Widerstandes sich unter Lachen langsam auflöst.

3.) Hilfe vom kleinen Teufelchen

Da ist ein kleines kreatives Teufelchen in mir, ein kleiner Anarchist vielleicht, der mich dazu bringt, den Kontext dessen, was ich nicht ändern kann, nur ein kleines bisschen subtil zu verrücken, zu dekonstruieren, so dass ich zum einen automatisch lachen muss (womit wir wieder bei 2.) wären), und zum anderen wird – vielleicht auch nur für mich sichtbar – der nicht zu ändernden Person oder Situation die Strenge, die Häßlichkeit, den Ernst oder was auch immer genommen – und sei´s nur für den Moment.

Klingt abstrakt, oder? Und ein bisschen nach Voodoo? Hehe, nicht ganz falsch…Hier sind ein paar Beispiele:

Unabänderliche Wohnumstände

DSC_0002Ich lebe recht idyllisch in einem kleinen Dorf, und direkt hinterm Haus ist ein Kornfeld. Aber: der Blick aus meinem Arbeitszimmer zeigt das hässlichste Haus im Dorf, groß, trostlos, mit tristem Putz, ohne Fenster, in denen Schönes pasieren könnte. Fürs Feng Shui ein wahrer Giftpfeil! Nachdem ich meinen Schreibtisch erfolglos in alle erdenklichen Richtungen gedreht habe, um bloß nicht auf dieses Haus zu gucken, habe ich beschlossen, dass et is, wie et is – und das Beste draus gemacht.

Alles, was ich brauchte, waren zwei Wackelaugen und  pinkes Masking-Tape – und ich kriege jedesmal gute Laune, wenn ich von meinem Wackelaugenhaus freundlich angelächelt werde. Und erst recht, wenn ich mir vorstelle, wie die Hausbesitzer empört und verständnislos mein Werk begutachten dürften.

Familienerbstücke

Ich besitze eine Kommode von meiner Uroma, und ich habe überlegt, mich davon zu trennen, weil meine Uroma für mich zwiespältig ist: zum einen hat sie mich geliebt, und ich habe viele schöne Erinnerungen an sie – aber sie war auch ein sehr schwieriger, giftiger Mensch und überzeugt, als Ingenieursgattin „etwas Besseres“ zu sein, und ich war mir nicht sicher, ob ich die Kommode eines giftigen Menschen behalten will. Kommode_1_w

Auch bei dieser Lösung half mir mein Teufelchen: „wir“ entdeckten eine Farbe namens „Understatement“. Und strichen die Kommode kurzerhand einfach an. Understatement und meine Uroma – allein die Kombination bringt mich jedesmal zum Lachen 🙂 (mal abgesehen davon, dass das Möbel jetzt auch schöner aussieht!).

Familienfotos

Sicher kennst du das: du hast alte gerahmte Fotos deiner Familie, die Leute darauf etwas steif, das Papier etwas angegilbt, und du weißt mittlerweile nicht nur, dass die Leichen im Keller auf diesen Fotos nie sichtbar sind, sondern auch, dass das Lächeln darauf oft auch ganz schön schwer gefallen sein muss, aber dennoch sind es ja deine Familienfotos?!

#2Ich kann die Ehe meiner Großeltern nicht ändern. Aber weil sie gerahmt bei mir an der Wand hängen, kann ich ihrem versonnenen Silberhochzeitsblick ganz neue Perspektiven eröffnen: sie lernen dort zum Beispiel meine Freunde kennen. Oder neue Urlaubsorte. Im Moment gucken sie auf eine Amsterdamer Hausecke mit Dildos auf dem Fensterbrett.

Und dass ich frei bin, ein bisschen Kontext-kreativ mit meinen Erbstücken umzugehen, entschärft die beklemmenden Familienbilder, die ich mitunter durchaus habe – zum Beispiel von einem Leben als vorbildliche Hausfrau zwischen dem Warten darauf, dass der Mann nach Hause kommt, und der blanken Panik, zum Gesprächsthema der Nachbarn zu werden…

Klingt verrückt? YEAH! Way to go!

Wie gehst du mit den Dingen um, die du nicht ändern kannst und verleitet dein Teufelchen dich eigentlich zu ähnlichen Aktionen? Ich bin gespannt! 🙂

 

Titelbild: Pezibear @ pixabay unter CC0, alle Beitragsbilder: © Sonja Stadje

 

 

 

 

 

 

 

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  1. Werner P. aus D.

    Hallo Sonja,

    das sind ja mal wieder superkreative Ideen, toll – ich als Mann hab da ja manchmal nicht so die sprühende Fantasie 😉 Daher danke für die Anregungen! And keep up the good work!

    PS. Kann man das Teufelchen mal ausleihen? 😉

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