Allgemein Lebensraum

Wie ein kleines buntes Häuschen Freitraumplanung lehren kann

Lernen von einem Haus und seiner Geschichte? Aber ja doch! Heute stelle ich dir mein Lieblingshaus vor. Es wurde 1924 gebaut, und seine Geschichte ist auch die von zwei ungewöhnlichen Protagonisten und ihrem Lebensentwurf - eine Geschichte, die mich seit 2001 fasziniert und von der wir noch heute eine Menge zum Thema Freitraumplanung lernen können.

Das Schröderhaus von Gerrit Rietveld (1924)

Mit einer Freundin machte ich 2001 zu Beginn meines Studiums einen Ausflug nach Utrecht. Dort hatte der Architekt Gerrit Rietveld von 1888-1964 gelebt und eine Reihe von Häusern gebaut. Wir klingelten damals einfach hier und da, wir durften bewohnte Appartements besichtigen, und vor allem entdeckten wir auch das kleine Haus, das Rietveld 1924 für seine Seelenverwandte Truus Schröder gebaut hatte: das Rietveld-Schröderhaus, UNESCO-Welterbe und vielpublizierte Ikone der Moderne.

Je mehr ich in dieses Haus und seinen Kontext vorgedrungen bin, desto begeisterter war und bin ich von der Botschaft, die von diesem kleinen bunten Gebäude ausgeht – und manche Lektionen können wir von ihm mitnehmen:

1) Hab immer den Mut zum Experiment!

„Wer frei in die Welt blickt, hat auch den Mut, sein Haus so hinzustellen.“ – Bruno Taut

Die Niederländerin Truus Schröder, geb. Schräder, war 34 Jahre alt und Witwe mit drei kleinen Kindern, als sie im Jahr 1924 Gerrit Rietveld beauftragte, ihr ein kleines und günstiges Haus zu bauen. Rietveld war seit seinem 12. Lebensjahr Möbeltischler in Utrecht und hatte noch nie zuvor als Architekt gearbeitet.

Grund genug, alles anders zu machen! Herr Rietveld und Frau Schröder starteten ihr Experiment: als Zutaten hatten sie eine Portion Lebensfreude und Selbstbewusstsein, die gestalterischen Ideale der Künstlergruppe De Stijl, den Zeitgeist der aufkommenden Moderne der 2920er Jahre, ihre gute Intuition und Rietvelds einzigartiges Gespür für Balance und Raumdefinition. Das Ergebnis war ein bis dahin unbekanntes Raumerlebnis und ein Meilenstein in der Architekturgeschichte.

Das kleine Haus in Utrecht ist jetzt 90 Jahre alt, und das ist schwer zu glauben. Es begeistert täglich als Außenstelle des Centraal Museum Utrecht eine Menge Besucher und steht seit 2001 auf der Liste des UNESCO-Welterbes.

2) Wende Dingen, die du nicht magst, ruhig mal den Rücken zu.

Das Schröderhaus ist ein sogenanntes Reihenendhaus – und das, ohne sich wirklich einzureihen. Die Backsteingebäude, an die es angrenzt, sind dunkel, gediegen und monoton – keine inspirierende Nachbarschaft!

Was macht das kleine Haus? Dreht ihnen den Rücken zu. Wirkt dabei sehr gelassen. Guckt nach Süden. Ins Weite, zur Sonne – ursprünglich. So einfach ist das.

Photo © Ana Lisa Alperovich for Inhabitat / Flickr / CC BY-NC-ND 2.0
Photo © Ana Lisa Alperovich for Inhabitat / Flickr / CC BY-NC-ND 2.0

3) Mach alles anders, als du es bisher kennst!

Ein Haus aus Stützen und Scheiben? Eine Wohnetage ohne Wände? Nur mit Schiebeelementen? Ein komplett buntes Interieur aus lauter farbigen Flächen? Und so viel Glas?

Im Schröderhaus ergab sich eine regelrechte Kettenreaktion:  der Architekt schien alles anders zu machen, also begannen die Handwerker von sich aus ebenfalls damit. Das Ergebnis ist eine wahre Sammlung von Anders-gemachtem.

Vorsicht also, wenn du alles über den Haufen wirfst und es anders machst als alle vor dir: es könnte es genial werden. 🙂

4) Weg mit dem, was dich begrenzt!

„I asked, ´Can those walls go, too?´ To which he answered, ´With pleasure, away with those walls!´“ – Truus Schröder, Interview 1982

Truus Schröder hatte, bevor sie ins Schröderhaus zog, mit ihrem Mann in einem großen und gediegenen Bürgerhaus gelebt – und sich „wie eine Gefangene gefühlt in diesen Zimmern und düsteren Normen“. (Unschwer zu erahnen, dass diese aufgeschlossene Frau, die sich für Architektur, Kunst und Emanzipation interessierte, auch in ihrer Ehe öfters anderer Meinung war als ihr Gatte!) Ihr eigenes Haus wurde das Gegenteil dessen – ein Befreiungsschlag für sie.

Sie traf eine Entscheidung für ein Leben ohne Wände, für ein lebendiges und gemeinsames Familienleben, für Offenheit, Licht, Luft und Freiheit – auf keinen Fall alltäglich für eine Frau im Jahr 1924!

Und auch wenn wir derzeit in der Regel wählen können, wie wir leben wollen – das Gefühl, zu beseitigen, was uns einschränkt, ist auch heute noch enorm verlockend, oder?

5) Es gibt immer jemanden, der dich so braucht, wie du bist.

Das Schröderhaus wurde fortwährend in der Presse verrissen, lange in der Architekturgeschichte ignoriert, von Passanten begafft, als „Irrenhaus“ bezeichnet – aber es war genau richtig für Truus Schröder. Sie liebte ihr kleines Haus , hütete es wie ihren Augapfel und wurde nicht müde, es Besuchern zu präsentieren. Sie wohnte dort bis an ihr Lebensende – und sie wurde 95 Jahre alt.

Also: egal wie anders du bist, egal wieviel Kritik du einstecken musst, egal, auf wie wenig Verständnis du stößt –  du bist immer für jemanden genau richtig. Vergiss das nie. Selbst wenn andere dich offen anstarren und sich im Vorbeigehen an den Kopf packen.

6) Sei stolz und trag den Kopf hoch – durch Trubel und Gegenwind.

Du wirst ausgelacht, weil du auf viele wirkst wie ein Außerirdischer? Ein Munitionslaster explodiert neben dir? Sie bauen dir eine höhergelegte Schnellstraße vor das Panoramafenster im Süden? Dein Architekt will dich im Zorn abreißen? All das passierte dem kleinen weiß-bunten Haus. Und es blieb trotzdem stehen.

Na klar, es kann ja auch nicht anders, könntest du jetzt sagen. Aber was ich meine, ist:

Egal was dir das Leben gerade und von Zeit zu Zeit schwer macht: guck nach vorne. Mach deinen Weg. Die Wellen tosen und beruhigen sich. Und irgendwann guckst du, noch pitschnass, in den Spiegel und siehst: du leuchtest immer noch.

Oder, wie ich neulich auf einer Postkarte gelesen habe: „Aufstehen. Krone richten. Weitermachen.“

7) Mut zur Farbe!

Die niederländische Künstlerbewegung De Stijl führte in den 1920er Jahren den Grundsatz ein, dem Schönen und Reinen zugunsten alle Gestaltungselemente auf Linien und Flächen zu vereinfachen und alle Farben auf die Grundfarben rot, gelb und blau sowie schwarz und weiß zu reduzieren.

Als das Schröderhaus 1924 gebaut wurde, war Gerrit Rietveld Teil der De Stijl-BewegungSomit setzte er die Grundsätze in allen Bestandteilen des Schröderhauses um – und in den Räumen des Inneren spielte er bis zum Exzess mit Farbflächen.

Wir reden nicht von farbig. Wir reden von bunt. Wenn du ein Beispiel dafür brauchst, wie du mutig Farbe bekennst, ist das Schröderhaus genau das richtige für dich.

Also: think big. think colourful. Die Akzentwand in peppigen Apricot kann jeder 😉 !

Photo © Ana Lisa Alperovich for Inhabitat / Flickr / CC BY-NC-ND 2.0
Photo © Ana Lisa Alperovich for Inhabitat / Flickr / CC BY-NC-ND 2.0

8) Lass dich ruhig mal unterschätzen – und überrasche umso mehr!

Das Schröderhaus besteht aus leichten, günstigen niederländischen Traditions-Baumaterialien. Es hat 90 Jahre und einen Krieg überstanden.

Wenn du es von außen siehst, ahnst du weder davon etwas noch von dem Raumerlebnis im Inneren, das mich beim ersten Besuch regelrecht vom Hocker haute.

Wenige hätten diesem Möbeltischler damals zugetraut, so ein Gebäude zu schaffen.

Vermutlich niemand hätte dem kleinen, verrückt und fragil aussehenden Haus, das nur 65% der „normalen“ vergleichbaren Hausmasse auf die Waage bringt, zugetraut, dass es heute noch steht – erst recht nicht sein Architekt.

Und ob wohl jemand geahnt hat, dass das Schröderhaus zu einer Architekturikone seiner Zeit wird oder gar auf die UNESCO-Liste kommt?

Also: alles wird super. Lächle cool, denk dir deinen Teil und zeig dann, was du draufhast.

9) Nimm das Leben nicht zu ernst!

„Eine Perfektion war nicht beabsichtigt, wohl aber das Freimachen von traditionellen Formen.“ – Gerrit Rietveld

Bei allen Designambitionen und aller Detailverliebtheit – in Rietvelds Arbeit gibt es immer ein kleines Augenzwinkern, blickt immer der Schelm aus irgendeiner Ecke. Perfektionismus ist der Feind des Experimentes. Zum Leben im Schröderhaus gehörte auch dazu, dass es mal reinregnet. Dass ein Einbaumöbel nicht mehr passt, zu Brennholz verarbeitet wird und man es Jahre später unter einer Treppe findet. Dass sich Räume und Befindlichkeiten ändern und angepasst werden.

Dinge ändern sich. Du auch.

Alles fließt. Entspann dich, fließ mit.

10) Bleibe jung, flexibel und offen – und altere in Würde 🙂

Wenn ich genau hingucke, kann ich das Alter des Hauses sehen. An Kleinigkeiten wie den Heizkörpern, den Fenstergriffen, der Küchenausstattung, den zierlichen Profilen und Wandstärken. Es hat sich wahnsinnig gut gehalten. Es lächelt unter jeder Menge Falten. So wünsche ich mir auch zu altern: bunt, leuchtend, knarzend und voller Geschichten.

Ist noch eine Weile bis dahin. Aber schöner und einfacher, wenn man solche Vorbilder hat 😉 .

Neugierig geworden? Mehr über das Schröderhaus gibt es hier, hier und auch hier.

Photo © Wojtek Gurak / Flickr / CC BY-NC 2.0
Photo © Wojtek Gurak / Flickr / CC BY-NC 2.0

Beitragsfoto: © Arnould van Otterloo / Flickr / CC BY-NC-SA 2.0

 

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