Gedankenraum

Ja, wirklich schade, dein Leben.

Also, liebe Sonja, falls du dir noch im Unklaren darüber warst, ob der Am-Standardleben-gescheitert-Stempel da mitten auf deiner Stirn zu Recht prangt: hier ist der endgültige Beweis! Dein Leben ist nicht Volker-proof, du kriegst nicht die goldene Café del Mar-Edition für die Einhaltung der So-hat-das-zu-sein-Regeln!

Heute stelle ich dir einen meiner Bekannten vor. Am Rande. Als schlechtes Beispel, quasi. Denn ich denke, jeder von uns hat den ein oder anderen Bekannten (gehabt), der es irgendwie schon immer geschafft hat, kolossal daneben zu liegen, und wir fragen uns, ob wir nicht fürchterlich unfreundlich sind, wenn wir denjenigen mal auf seine leichte Wahrnehmungs-Schieflage hinweisen.

So weit, so gut. Vor ein paar Tagen habe ich die Standort- Abfrage bei Facebook kennen gelernt: meine Freunde können mich damit auffordern, meinen Wohnort preiszugeben.

Besagter Bekannter tat dies, verbunden mit der Frage, „wo wir uns rumtreiben“. Ich konnte wählen zwischen den Facebook-Vorschlägen Oberhausen, Hannover und der Kieler Bucht.

Da ich mich darin nur unzureichend wiederfand, entschied ich mich für eine kurze persönliche Nachricht: dass ich mit den Katzen südlich von Hannover lebe, einen nicht mehr ganz neuen Job in einer Landesbehörde habe, dass mein Mann und ich seit geraumer Zeit getrennter Wege gehen und die Bodendenkmalpflege in Hamburg einen sehr netten Herrn beschäftigt. So für den Anfang.

Die Antwort war: „Na das sind ja Neuigkeiten. Schade! […]“

Ich hätte mich über etwas mehr Interpretationsspielraum durchaus gefreut.

Also, liebe Sonja, falls du dir noch im Unklaren darüber warst, ob der Am-Standardleben-gescheitert-Stempel da mitten auf deiner Stirn zu Recht prangt: hier ist der endgültige Beweis! Dein Leben ist nicht Volker-proof, du kriegst nicht die goldene Café del Mar-Edition für die Einhaltung der So-hat-das-zu-sein-Regeln!

Echt schade, dass du es nicht geschafft hast, mit jemandem zusammenzuleben, der dich am laufenden Band in den Wahnsinn treibt. Nee, also ehrlich. Und dieser Job, den du hattest – wirklich schade, dass du so lern- und wissbegierig bist! Und jetzt bist du 36, immer noch keine Kinder, meine Güte, echt schade! Wirklich schade, dass du ein zu großen Teilen spannendes und schönes Leben hast! Schade, dass du gesund bist und alle deine Lieben auch; schade, dass du so oft von wunderbaren Freunden und Kollegen umgeben bist und so viel lachst. Schade, dass du einen Job hast, der dir die meiste Zeit richtig Spaß macht und in dem du dich austoben kannst. Schade, dass du dafür auch noch Geld bekommst!

Und also bitte, richtig schade, wie es in deinem Privatleben aussieht! Guck dich mal an: du musst den Dosenöffner für zwei allerliebste Katzenteenager spielen, hast die Freiheit, zu tun und zu lassen, was du willst, und der Gipfel dessen, was schade ist – also mindestens jammerschade – ist dieser großartige Mann an deiner Seite! Echt schade, dass du gerade sehr verliebt bist und das auch noch auf Gegenseitigkeit beruht! So ein Mist, und wir haben dir immer so sehr nur das Beste gewünscht!

Immerhin saß ich im Folgenden nicht allein weinend auf einem Hamburger Balkon; nein; wir weinten zu zweit über unsere völlig gescheiterten Leben, in denen wir uns ja wirklich viel zu weit aus dem Fenster gelehnt hatten und ich sorgloserweise gedacht hatte, ich wäre gerade sehr glücklich und könnte grundsätzlich, mal so alles in allem, dankbar sein. Zum Glück rückte mir, in Form meines Bekannten, endlich jemand den Kopf wieder zurecht!

*Ironie aus*

Das Fazit an meinen Bekannten stammt nicht von mir, sondern von dem Mann mit den besten Worten, und ich habe dem nichts hinzuzufügen:

„Das mit uns wäre eh nichts geworden!“

Und ihr so? 😀

 

Beitragsbild: Death To The Stock Photo

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