Lebensraum

Klebebandliebe <3

Es ist pink. Es kostet die Hälfte von dem bei der Post. Und in dicken fetten knallroten Buchstaben steht "kærlighed" drauf, "Liebe" auf Dänisch.

Am Wochenende hatte ich ein Aha-Erlebnis mit der banalsten Sache der Welt: mit Paketklebeband. 🙂

Erst macht sie ewig Pause und jetzt schreibt sie über Packband? Spinnt sie? könntest du dich fragen, und das völlig zu Recht – aber dieses Packband steht heute stellvertretend für jede Menge kleine Sachen und eine große Angelegenheit, die mir sehr am Herzen liegt: nämlich, wie einfach es sein kann, den banalsten Dingen des Lebens ein gewisses Etwas, eine Portion Liebe mitzugeben – anstatt seelenlosen Standard-Alltagskram zu produzieren, den wirklich niemand richtig mag.

Du kennst die handelsübliche Packband-Auswahl – sicher fällt dir die Wahl auch immer schwer zwischen dem seltsamen Braunton, der mich immer an die Strumpfhosenfarbe meiner Uroma erinnert, und dem nahezu unsichtbaren Transparent. Vielleicht hast du mal eine Rolle mit irgendeinem Werbedruck geschenkt bekommen – und das war´s schon mit der Auswahl.

Dachte ich auch – und amm Samstag habe ich bei Tiger, meinem dänischen Lieblings-Kramlädchen, ein wahres Highlight entdeckt: Eine dicke Rolle Paketklebeband.

Etwas ungläubig und dann breit grinsend stand ich im Laden mit dieser Rolle Klebeband und dachte mir: was für ein wunderbares Beispiel dafür, wie du mit dem banalsten aller Dinge ein sehr breites Lächeln ins Gesicht von vielen Leuten zaubern kannst! 🙂

Ich stellte mir vor, wie sich die Empfänger solcher Pakete in Zukunft freuen werden. Wie die Pakete fröhlich aus der bräunlichen Masse herausleuchten. Wie die Postsortierer und die Postzusteller lächeln müssen – und die Nachbarn, die das Paket für die Empfänger annehmen.

Wieviel Spaß es machen kann, kaputte Sachen dick mit Klebeband zu fixieren und sie dabei in eine Portion „Liebe“ einzuwickeln. Dir vorzustellen, du klebst einem nervigen Zeitgenossen den Mund zu – mit „Liebe“. In pink und rot. 😉

Wie ein kleines bisschen die Sonne aufgeht – weil ein gutgelaunter Skandinavier die schöne Idee hatte, dem langweiligsten, funktionalsten Zeug eine schöne Farbe und eine schöne Aufschrift mitzugeben. So eine kleine Sache – und eine ordentliche Portion Freude mit auf dem Postweg!

So ist es mit vielen Dingen, die mir begegnen: ich frage mich oft, warum zur Hölle die Leute, die davon leben, diesen Gegenstand herzustellen, sich damit zufriedengeben, dass es sich um ein 08/15-Ding handelt, dass im Wesentlichen unauffällig ist, nicht stört, nirgendwo aneckt, null Emotion hervorruft (schon gar keine positive!) und niemandem im Gedächtnis bleibt.

Wieso ist es so oft okay, etwas absolut Gesichtsloses zu schaffen?

Weil der Konsument das so will? Weil es (vermeintlich) billiger ist? Weil es alle machen? Weil wir gar nicht so genau darüber nachdenken? Weil alle Rock´n´Roll-Ideen kleingerechnet und als verrückt abgestempelt werden?

Das Klebeband zeigt mir, wie einfach es eigentlich sein kann. Zeig mir jemanden, der sich nicht insgeheim über eine kleine Freundlichkeit freut, mit der er nicht gerechnet hat. Der, egal wie abgestumpft, nicht ein bisschen angetan ist von einem kleinen Licht im Alltag.

Nicht nur, aber insbesondere skandinavisches Design ist für mich deshalb oft so schön und liebenswert: egal wie cool, minimalistisch und modern eine Sache ist (oder ein Gebäude. Oder eine Stadt), du merkst die Liebe zum Detail, die dahintersteckt. Ein Augenzwinkern bei aller Funktionalität und Reduktion. Etwas Herzenswärme in aller Coolness. Das gewisse Etwas. Gleichzeitig etwas, von dem ich den Verdacht habe, dass es hierzulande nicht ganz mainstram-fähig wäre – und ich mich allen Ernstens frage, wieso eigentlich nicht?!

Ich gestehe, ich bin ein glücklicher Besitzer dieser Rolle Klebeband. Mir liegt es am Herzen, die Welt  freundlicher und schöner zu machen: jeder nur ein klitzekleines bisschen, und es wäre sicherlich oft netter hier.

Und deswegen schreibe ich dir hier und heute (bis hierhin) 553 Wörter über eine Rolle Klebeband, auf dem „Liebe“ steht: sie ist für mich ein Stellvertreter für die große Idee von der Liebe zum Detail, die uns im Alltag und in der Gesellschaft so oft abgeht und die wir doch eigentlich alle ganz gern haben. Wenn du genau hinschaust, siehst du überall Gegenstände, Orte, Gebäude und Flächen, die ein bisschen mehr Hingabe gebrauchen könnten.

Na dann los! 🙂

In welche Details packst du in Zukunft mehr Hingabe? Ich freu mich sehr, hier Ideen und Anregungen auszutauschen!

Hab eine wunderbare Juniwoche!

 

 

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