Gedankenraum

#Heimat

Diesen Beitrag habe ich mal verfasst und dann vergessen. Gerade hab ich ihn wiederentdeckt, fand ihn gar nicht so übel, habe ihn fertiggeschrieben und BAAAM! hier isser. Introducing: Hometown, Oberhausen, Rheinland.

Aus aktuellem Anlass lese ich gerade Gut, dass es Dir schlecht geht: Warum die schlimmsten Tage im Leben manchmal die besten sind – ein unverblümtes und warmherziges Buch über das gepflegte, aufrichtige Scheitern und die Kunst, an einer Krise zu wachsen.

Besonders blieb mir der Gedanke im Kopf, dass wir – auf der Suche nach unseren Kraftquellen – eines nicht vergessen dürfen:  auch unsere „Wurzeln“ sind ein wichtiger Teil von uns, der zu unserer Identität gehört und uns Kraft gibt – und zwar ganz unabhängig davon, ob wir eine schöne oder weniger schöne Kindheit hatten, ob wir unsere Heimat hübsch oder hässlich finden oder ob wir jeden Tag dort sind oder nie.

Ich habe auf einmal große Lust gehabt, etwas über meine Heimat zu schreiben – denn auch wenn ich sie weder leugne noch widerwillig preisgebe, gibt es Bereiche mit mehr Glamour in meinem Leben. Also, pünktlich zur #ARDThemenwoche #Heimat: ein Plausch aus dem Zuhause-Nähkästchen. 🙂

Ich bin in Wesel geboren und im Ruhrgebiet aufgewachsen, genauer gesagt: in Oberhausen. Oberhausen hat ein Autobahnkreuz, ein Einkaufszentrum und 2012 die höchste Pro-Kopf-Verschuldung unter den deutschen Städten. Meine Heimat #1 war der Tackenberg. Die Heroldstraße, in der unsere Doppelhaushälfte stand, verlief an der Grenze zwischen den Stadtteilen Sterkrade und Osterfeld; weil ich auf der falschen Straßenseite wohnte, ging ich mit keinem der anderen Kinder in der Straße zusammen zur Grundschule. Gleichzeitig verlief dort auch die Grenze zwischen den kleinen Häuschen im Süden und den sozialen Wohnungsbau-Zeilen im Norden der Tackenbergstraße: eine Grenze, die es vor allem in den Köpfen der Erwachsenen gab. Vor der Tür wuchs ein Essigbaum, der meine Eltern wahnsinnig machte. Die Einfahrt war mit Waschbetonplatten gepflastert.

An die Gerüche erinnere ich mich besonders gut. Das Turnhallenaroma der Tackenbergschule, wo ich ab 1990 Judotraining hatte. Das feuchte Laub der Eichen entlang meines Schulweges zur Kardinal-von-Galen-Schule. (Wir Kinder haben immer wie die Weltmeister geübt, auf den Eichelhütchen zu pfeifen. Manchmal denke ich, auf Eichelhütchen pfeifen kann ich noch, wenn ich im Altenheim sitze und den Rest vergessen habe.) Der Lkw-Schrottplatz am Ende der Straße und der Geruch von Metallrost und Maschinenöl, der auch noch da war, als die Lkw längst weggeholt worden waren. Die Tankstelle um die Ecke und der Bäcker 50 Meter entfernt, zu dem man die Brötchen, wenn sie nicht knusprig genug waren, auch gerne mal wieder zurück auf die Theke knallte. Überhaupt war das Tor zur Welt das zur Straße gewandte Küchenfenster, und meine missgünstige Mutter zog beim Kochen lautstark über die ganze Nachbarschaft her. Wir hatten einen Garten, aus dessen Kirschbaum andere Kinder verjagt wurden, obwohl wir gar nicht alles selbst essen konnten, ein Blumenbeet, in das mal ein Auto durch die Gartenmauer in meine Erdbeeren krachte, und einen Nachbarn, der sonntagmorgens seinen Tennis-Aufschlag verfeinerte („Plopp. Plopp. Plopp.“). Sein Langhaardackel hieß Perry.

Es gab in der für Kinder erreichbaren Umgebung tolle Sachen: zum Beispiel den Faulwassertümpel des Antonieparkes, auf dessen vermoostem Holzbohlenweg wir uns reihenweise mit dem Rad auf die Fresse legten. (Man durfte bloß nicht in die Längsrillen kommen! Oder bei hoher Luftfeuchtigkeit drüberfahren. Oder beides. Bzw.: besser beides nicht.) Mit etwas Glück konnte wir Enten oder Ratten beobachten. Wir rollten auf Rollschuhen die Fußgängerbrücke über die A516 runter, und am Spielplatz an der Elpenbachstraße hingen die coolen Jungs ab und rauchten. (Jahre später habe ich meine Heimat #1 in Ralf Rothmanns Roman Stier wiederentdeckt.)

Als ich 13 wurde, zogen wir um, und meine Heimat #2 wurde die Königstraße im Stadtteil Biefang. Dort wimmelte es gegenüber dem Tackenberg vor Highlights: die Emscher floss oberirdisch und trug ihren unverwechselbaren Geruch zur Identifikation des Viertels bei (als Teenager standen wir oft auf der Brücke und kicherten immer, wenn wir auf der braunen Brühe ein Kondom schwimmen sahen), die A3 querte fast den Garten und sorgte für ein beruhigendes kontinuierliches Rauschen, und nachts war die Skyline der Ruhrchemie ein geradezu romatischer Anblick.

In meiner Erinnerung bin ich dort entweder mit dem Hund die Straßen entlang gelaufen, habe im Hof das Auto gewaschen – oder bin weg gewesen. Mein winziges Zimmer zur Straße war das erste, in dem ich Herrenbesuch hatte (meine Mutter musste dann dringend von außen die Fenster putzen), in dem ich meine Festung in Form eines zusammengesparten Hochbettes aufbaute  und für das wir die sonnengelben Tapetenrollen zu zweit im Rucksack auf einem 50er-Roller von Ikea in Essen holten. In Heimat #2 kletterte ich nachts auf die Garage, um Sternbilder zu gucken; das Bad dieses Hauses die ganze Regenbogenskala an Haarfarben als Flecken auf Fliesen, Handtüchern und vor allem in sämtlichen Fugen kennen gelernt.

Seitdem habe ich in wirklich vielen Städten gelebt (Hallo, Fachkräftemangel! Er oder ich waren immer an unterschiedlichen Orten…) Wenn ich gefragt werde, welche meine Heimat ist, bin ich manchmal ratlos. Wesel? Oberhausen? Bochum, wo ich die beste Zeit mit den besten Leuten hatte? Wehre, die letzte Heimat, die ich zeitweise noch betrauere?

Oder schleppe ich sie mit mir und überall, wo ich bin, ist Heimat? Part of me?

 

Egal. Jedenfalls haben wir in Oberhausen großartige Leute. Zwei davon, die Missfits aka Matta und Lisbett, haben vor mittellanger Zeit ein großartiges Lied über Oberhausen gemacht.

Missfits: Oberhausen

Und ein zweites über das Suchen und finden. So einfach kann man´s ausdrücken :-)!

Missfits: Wennze meins´

Liebe Herren: nich heulen!

 

In a nutshell:

“ […] Wennze weiß, watte willz, musse machen datte hinkomms´

bisse dann da – isset klaa – isset besser als wie et waa.

Oft braucht et Zeit, bis datte weiß, watte willz und wiede hinkomms

bisse dann da – isset klaa – isset besser als wie et waa. […]

Jajaaaa: Eierlikör is wunderbaaaaar!“

 

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