Allgemein Gedankenraum

Ist es in deinem Umfeld auch so eklig salonfähig, Bedenken zu säen?

Ich habe oft das Gefühl, an meiner Stirn klebt ein Zettel, auf dem steht: unvorsichtig, verantwortungslos, traumtänzerisch, leichtsinnig, kurzsichtig, wahnsinnig, Adrenalin-Junkie oder auch kompletter Rowdy.

Wie ich darauf komme?

Weil mir geradezu unerträglich oft Ratschläge gegeben werden, die mit Bedenken einhergehen – und mich mahnen wollen vor den Gefahren des Lebens an sich. Mir kommt es häufig vor, als sei es für viele Menschen leichter, dir deinen Lebenstraum auszureden als dich darauf hinzuweisen, dass deine Mascara ein kleines bisschen verwischt ist oder der Unterhosenzettel rausguckt: das wäre ja zu intim! Aber dass dein (Lebens-)Ziel Quatsch, Schall und Rauch ist und zum Scheitern verurteilt – kein Problem! Das sagt dir unter Umständen auch ein völlig Fremder.

Also, mit einer Jugendgruppe nach Kasachstan zu reisen?! Wenn die mal alle heil wiederkommen!

Ob du nicht lieber eine Ausbildung in einem todsicheren Beruf beginnen solltest, anstatt zu machen, was du liebst?

Ob du wirklich IN DEINEM ALTER noch Kinder haben solltest?

Ob du wirklich heiraten solltest? Es gibt soooo viele Scheidungen!

Wie, den Job wechseln, nur weil du davon Magengeschwüre kriegst? Er ist doch so SICHER!

Bedenken zu äußern ist in unserer Gesellschaft überaus salonfähig.
Und wir? Fangen an zu zweifeln, kriegen ebenfalls Bedenken, straucheln, brauchen alle Kraft, an unseren Zielen festzuhalten und bekommen den Eindruck vermittelt, als wäre eine uns eben noch schön vorgekommenen Entscheidung wirklich eine Frage von Leben und Tod.

Aber warum reden Leute dir in genau diesem Punkt – Risiken eingehen und auf die Konsequenzen aufmerksam machen – so fürchterlich ungeniert in dein Leben hinein, wenn wir doch sonst eher zaghaft darauf verzichten, uns laut zu einem Thema, ob öffentlich oder im Vertrauen, zu äußern?

Es gibt offenbar eine höhere Macht, eine Art common sense, die auch den Allerschüchternsten dazu ermächtigt/berechtigt oder sogar VERPFLICHTET!, völlig unreflektiert, ungeniert und aus tiefster Überzeugung auch  nahezu unbekannte Menschen auf Gefahr, Risiko und Konsequenzen ihres Handels hinzuweisen.

Wir haben eine regelrechte Kultur des Bedenkentragens – und kultivieren damit die diffuse, nicht näher zu definierende Angst vor schlimmen Erlebnissen, die es auf Teufelkommraus zu vermeiden gilt. (Es gibt dafür übrigens im Ausland den treffenden Begriff German Angst…)

Beispiel aus meiner Familie: Sie besteht größtenteils aus leisen und unauffälligen Leuten, deren größte Sorge es ist, dass die Nachbarn zu viel von ihrem Leben mitbekommen. Undenkbar, dass sich jemand aus meiner Familie zu Wort meldet, mit einem „Höhergestellten“ ein Gespräch auf Augenhöhe führt, eine Veranstaltung organisiert oder auch nur seine Meinung ansatzweise laut äußert. Mein Familie ist das personifizierte Duckmäusertum, eine wahre Bastion des Sich-aus-allem-raushaltens aus Angst vor Konfrontation mit Was-auch-immer.

Duckmäuser ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für einen Menschen, der sich aus Angst, die Sympathie einer gesellschaftlichen Gruppe zu verlieren, deren Meinung anschließt, oder sich grundsätzlich anpasst und nie eine eigene Meinung äußert oder widerspricht. (Wikipedia, 16.05.2015)

Nur in einem Bereich ist sie ganz, ganz vorlaut: darin, bei anderen, insbesondere uns Jüngeren, Angst zu schüren, Bedenken zu äußern und auf Risiken hinzuweisen – und auf die daraus resultierenden fürchterlichen Konsequenzen. In diesem Bereich fahren sie dann zu Höchstleistungen auf, was Kreativität angeht (die Schreckensszenarien, die sie zeichnen, musst du erstmal erfinden – dazu gehört eine unsägliche Phantasie!), was Engagement angeht (da wachsen sie über sich hinaus und werden plötzlich energisch, nachdrücklich, halten hervorragende Vorträge – ehrlich!) und natürlich, was Mitgefühl angeht (denn das sagen sie dir ja nur, weil du ihnen so viel bedeutest – auch wenn ihnen dein Leben abnsonsten völlig schnurz ist!).

Wie passt das zusammen? Wieso sind so viele Leute, die sonst wirklich nie den Mund auf machen, an dieser Stelle so fürchterlich eifrig?

Die Antwort ist ganz einfach: weil sie wollen, dass du so bist wie sie. Dass du genauso viel undefinierte Angst vor allem hast. Dass du ihre Ziele teilst, nämlich möglichst unbeschadet durchs Leben zu kommen, nicht aufzufallen und es möglichst gemütlich zu haben.

Sie wollen dir Angst machen. Dich klein halten. So klein wie sich. Dir soll das Träumen lieber beizeiten ausgetrieben werden – auf die Schnauze fällst du ihrer Meinung nach ja ohnehin.

Indem du etwas einfach machst, zeigst du anderen, dass es möglich ist. Damit nimmst du der Sache aber leider gleichzeitig die Aura des „Unerreichbaren“ und ersetzt es durch „für sie noch nicht erreichten“. Das heißt aber, sie könnten es auch – wenn sie über ihren Schatten sprängen. Und wer will das schon?!

Da erzählen sie dir doch lieber, dass du besser nicht studieren geht, bei XY hat das ja auch nicht geklappt. Dass du nie deine Dissertation schreiben wirst, wenn du nicht gleich damit anfängst. Dass du besser nicht die Frau Oberstudienrätin heiratest, das ist ja ne Nummer zu hoch für dich. Und dich weiterbilden – was hast du schon davon?! Einen Job im Ausland annehmen – ogott, von da hört man ja Fürchterliches! Und du wirst nie wieder hier anerkannt!

Fakt ist, mal abgesehen davon, dass das alles kleinmachender Bullshit ist:

ES GEHT SIE ALLE EINEN SCHEISSDRECK AN, OKAY?

All diese Dinge, zu denen du dir den lieben langen Tag die Bedenken anderer Leute anhörst, sind letztlich deine Sache – und allein deine Entscheidung, die du freiheitlich triffst und für die du die Verantwortung trägst und niemand anders. Und dass du dafür die Konsequenzen zu tragen bereit bist, in welcher Form auch immer, ist ja wohl zuallererst dir selber klar, nö?

Wieso fällt es so vielen Leute so schwer, es einfach dabei zu belassen?

So, das war mal ein energischer Post. Aber er kommt tief von Herzen: die Freiheit und Eigenverantwortung deiner Wahl anzuerkennen und die Leute reden zu lassen, ist essentiell für deine Freitraumplanung. Übe dich am besten beizeiten darin, eine herrliche Buckel-runter-rutsch-Piste anzulegen! 😉

Und ich warte gespannt: wer macht dir Angst und will dich auf dem Teppich halten?

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Beitragsfoto: Sonja Stadje

  1. hej Sonja,

    Ich freu mich über jede, die ihren eigenen Weg erfindet und geht.
    Ich habe das zum Schrecken meiner Familie getan, die der Ansicht war, dass es nur eine Überlebenschance auf der Welt gibt: die einer verbeamteten Grundschullehrerin.
    Als ich mit Rucksack und Cello mein Elternhaus verließ, um ohne Netz und doppelten Boden nach Hamburg zu gehen ( das war damals weeeiiit weg), fand ich im Briefkasten am Gartentor die Zulassung zum Lehramtstudium in Frankfurt —
    und ging meines Weges, habe gemacht, was ich stimmig finde und meinen Beruf Hand in Hand mit dem Leben entwickelt.
    Allerdings: das war und ist wirklich kein Wellness-Aufenthalt in dieser so ganz anders tickenden Welt!
    Manchmal kommt es mir bei meinen jungen Freunden so vor, als seien sie es, die sich abhalten, ihren Weg zu (er)finden, – nicht die Bedenkenträger. Sie sind so viel Comfort, ja materiell gesehen in meinen Augen Luxus gewohnt, dass es sie all zu sehr gruselt, darauf verzichten zu müssen. Lieben Gruß und aufmunternden Zuruf: Schön, wenn du dein Ding machst! Alena

    • Hey Alena,
      ganz vielen lieben Dank für deinen Mut machenden Kommentar und dafür, dass du deine Geschichte mit uns teilst! Kommt mir auch ein bisschen bekannt vor 😉 – meine Familie hätte mich liebend gern für die nächsten 45 Jahre Berufsleben in einer „sicheren“ Position bei einer Bank oder einem großen Unternehmen gesehen. Studieren? Ogott!!!
      Ich habe gemerkt, dass ich a) in solchen Fällen erst recht mache, was keiner mir zutraut und b) es eigentlich immer gutgeht und c) etwas (oder auch mehr 😉 ) Abstand zu meinen Liebslingsbedenkenträgern mir SEHR gut tut.
      Ja, du hast völlig Recht, der Wellness-Faktor ist manchmal nicht so hoch… 😉 Ich denke mir hin und wieder, wenn ich ein bisschen müde oder angestrengt bin, ob es nicht schöner, besser und gemütlicher wäre, wenn ich alles nach den Vorstellungen meiner Eltern und Verwandten gemacht hätte…und dann kommen so absurde Bilder in meinen Hirnfilm, dass ich es schnell wieder sein lasse 😀 .
      Deinen Absatz über deine jungen Freunde lesend, musste ich an ein Mädchen (ca. 15 Jahre jünger als ich) denken, das letztes Jahr im gleichen Auto nach München saß wie ich: sie war überzeugt davon, dass der nagelneue Kleinwagen, den sie von ihren Eltern zum Führerschein bekommen hatte, sich für „weite“ Fahrten gar nicht eignet – sicherheitstechnisch. Das war ein Niveau von Sorge, das sogar mir in meiner Umgebung unbekannt war! Vielleicht bringt mehr Besitz/Luxus auch mehr Angst mit, die „Sponsoren“ dieses Luxus zu enttäuschen – und sich in dem Zuge noch verpflichteter zu fühlen, möglichst zielstrebig, brav, Erwartungen erfüllend und bloß kein Risiko eingehend zu agieren?
      Wir gehen dann mal weiter unseren Weg 😉 – lieben Gruß! Sonja

  2. Kerstin Hellers

    Liebe Sonja, danke für den herzerfrischenden Post. Ja, diese Einstellung gibt es vor allem in Deutschland. In den USA z. B. herrscht eine ganz andere Mentalität, da macht man eher Mut. Und ich glaube, das Kleinmachen ist nicht nur, damit man so ängstlich wird wie sie, sondern es ist derselbe Neid, mit dem ein Rezensent einen Roman oder ein Theaterstück verreißt, weil er in Wahrheit selbst gerne Schriftsteller geworden wäre. Es ist der Frust, das Leben verpasst zu haben, nicht nur „noch nicht erreicht“, sondern auch in der Rückschau (sind ja oft ältere Menschen, die diese Ängste aussprechen). Und die vorigen Frauengenerationen waren ja nun leider auch nicht die eigenständigsten; es gehört sicher auch viel Mut dazu, in einer Zeit, wo die Frau wenig zu sagen hat und z. B. noch nicht mal wählen gehen oder einen Mietvertrag unterschreiben darf, auf alle Normen zu pfeifen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das konnten und können nur die wenigsten. Und so würde ich auch nicht allzu hart darüber urteilen – sie sind eben gefangen in ihrer eigenen Geschichte. Wichtig ist dabei ja nur, dass wir uns davon freimachen und unser Ding fahren, egal was irgendjemand sagt. Das hast Du ja auch so geschrieben.

    Gerne mehr von solchen Artikeln, so was liest man eher selten! Schöner Blog!

    • Liebe Kerstin,
      ein dickes Danke für deinen Kommentar! Du erwähnst zwei wichtige Aspekte: den Neid, den du beschreibst, habe ich ebenfalls gut kennengelernt („ich rede dir etwas schlecht, weil ich es selber nicht haben kann!“) – und ebenso ein Klima des Ermutigens, das es außerhalb von Deutschland tatsächlich gibt! Bei mir war es vor allem das Auslandssemester in den Niederlanden, in dem ich eine völlig neue Arbeits- und Austauschatmosphäre zwischen Lehrern und Schülern kennenlernen durfte, die ich an meiner Hochschule nicht für möglich hielt. Schön, dass es auch einfach so gehen kann – also, wie du sagst: freimachen, unser Ding machen, es besser machen 🙂 !
      Liebe Grüße
      Sonja

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