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„Das ist aber komisch – so als Frau?!“

"An dir ist ein Junge verloren gegangen!", pflegte (nicht nur) meine Oma zu sagen, wenn ich auf ihre Bäume kletterte. "Man schenkt ja keiner Frau Blumen, die einen verprügeln könnte!" sagte ein "Freund" im Scherz, während er mir von seiner neuen Flamme berichtete, die ja "anders sei als ich". Meine Mutter und ihr Lebensgfährte prophezeiten gerne und oft, ich würde ja "niemals einen Mann abbekommen", weil ich "viel zu selbstständig" sei.

Ich vermute, auch dir ist während deiner Kindheit/Jugend/Gegenwart schon mindestens einmal vermittelt worden, dass du, so wie du bist, irgendwie nicht richtig bist? Dass Irgendwer-auch-immer in gewissen Situationen auf jeden Fall etwas anderes von dir erwartet hat?

Was ich mache oder wie ich mich verhalte, scheint oft in höchstem Maße „unweiblich“ oder zumindest „frauen-untypisch“ zu sein. Das ist eine Reaktion, die mich, seit ich nicht mehr 10 bin, immer wieder sehr beschäftigt und auch tief verletzt hat.

Was ist denn eigentlich „frauen-typisch“?

Ich kann rückwärts einparken, einen kaputten Anlasser mit dem Hammer starten und Reifen wechseln. Ich habe keine Angst vor Kettensägen, Äxten und anderem Werkzeug. Ich kann wunderbar Möbel aufbauen. Und ich bin ein leidenschaftlicher „Macher“, ich arbeite gerne körperlich und mache mich zeitweise sehr gerne schmutzig.

Vieles habe ich gelernt, weil ich musste – oder wollte. Und eigentlich sind diese Fähigkeiten sehr nützlich, und sie helfen mir oft im Leben. Trotzdem habe ich dafür schon ganz viele irritierte Reaktionen erfahren.

„An dir ist ein Junge verloren gegangen!“, pflegte (nicht nur) meine Oma zu sagen, wenn ich auf ihre Bäume kletterte. „Man schenkt ja keiner Frau Blumen, die einen verprügeln könnte!“ sagte ein „Freund“ im Scherz, während er mir von seiner neuen Flamme berichtete, die ja „anders sei als ich“. Meine Mutter und ihr Lebensgfährte prophezeiten gerne und oft, ich würde ja „niemals einen Mann abbekommen“, weil ich „viel zu selbstständig“ sei.

Ich versuchte also aus diesen kruden Reaktionen zu lernen und mich zu bessern. Was ich lernte, war, vereinfacht: „Manches ist für Männer. Manches ist für Frauen. Was, bestimmt die Gesellschaft. Und wenn du was kannst oder machst, was zum anderen Geschlecht gehört, bist du komisch.“ Das haben lustigerweise viele Frauen und Männer gleichermaßen verinnerlicht und für nötig gehalten, ganz ernst und mit „Wir wollen doch nur dein Bestes!“-Nachdruck an mich weiterzutragen.

Konkret lernte ich: eine Frau kennt sich lieber nicht mit Autos aus, das ist arg merkwürdig. Sie klettert auf keinen Fall besser als ein Mann. Auch arbeitet sie nicht mit einer Schaufel in der Hand und wenn doch, dann bitte höchst unbeholfen und immer mit hilfesuchendem Blick auf den nächsten starken Herrn. Sie überlässt Rasenmähen, Renovieren und Schubkarre fahren dem anderen Geschlecht, aus Prinzip. Gleiches gilt für ihre technischen Geräte: damit kennt sie sich besser nicht so gut aus, das gibt Sprüche. Eine Frau trinkt kein Bier aus der Flasche und schon gar nicht aus der Dose, nimmt keine Hilti in die Hand und gibt nicht zu, dass sie höchst logisch denken kann – und sogar furchtlos eigene Entscheidungen trifft.

Ich weiß nicht, was „die Gesellschaft“ mir damit sagen will. Ich weiß nur: mich „zu bessern“ war keine Option für mich.

Natürlich ist der Kern dieses Problems im Wesentlichen kein Männer-Frauen-Thema. Es ist eines der vielen Probleme einer Herde mit solchen Schäfchen, die ein klitzekleines bisschen anders sind als die Masse. Die einen Schäfchen sind eben ein bisschen selbstständiger oder praktischer. Andere sind dicker, dünner, größer, kleiner, schüchterner, klüger, verspielter, andersfarbig oder sonstwie ein kleines bisschen anders. Pauschal betrachtet, sind du und ich und alle anderen in mindestens einem (wunden) Punkt ein wenig „anders“. Und bei jedem von uns hat „die Herde“ wohl schon immer mindestens einen Stein des Anstoßes gefunden.

Wozu ist das notwendig? Macht die Herde sich so große Sorgen um uns, dass sie uns teilweise so massiv und schmerzhaft in unsere vermeintlichen Grenzen verweisen muss? Wer profitiert davon? Oder dient das Ganze letztlich uns dazu, zu wachsen und sich einen Feuchten um die Ratschläge und Erwartungen anderer zu scheren?

Es ist mir ein wichtiges Anliegen, dir genau diesen Ratschlag zu geben: irgendwann heißt es „Fuck you!“ sagen!

Ich musste ein wenig Leute ausmisten, um meinem Frieden näherzukommen.

Und ich musste lernen, auf meine Fähigkeiten stolz zu sein. Und das war der schwierigere Teil. Aber es ist möglich – wenn du für ein wenig „Flurbereinigung“ sorgst und deine klaren Grenzen ziehen lernst. Wenn du dir eine Umgebung schaffst, die stärkt, statt zu kritisieren.

Ich habe in den letzten Jahren viel weniger dieser „frauenuntypisch“-Reaktionen erhalten – was für den Erfolg meiner Umgebungs-Flurbereinigung spricht. Ich bin selbstbewusster geworden. Wer sich anmaßt, mir in irgendeiner Form Weiblichkeit abzusprechen, hat leider keinen Platz bei mir. Und mein Mann kann keine Reifen wechseln, dafür Waschmaschinen reparieren – und kochen.

Was ist dein wunder gesellschaftlicher Punkt? Wo kämpfst du dich gerade frei? Magst du davon berichten?

 

Photo: Death To The Stock Photo

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  1. Natascha

    Hallöchen,

    ich hab’s getan… 🙂 . Ich habe eine „Umgebungs-Flurbeseitigung“ durchgeführt. Ich habe mich von einem Menschen befreit, der mir sehr nahe stand, mir aber nicht gut getan hat. Von genau diesem „ich-bin-nicht-gut-genug“ hatte ich die Nase voll und habe es nach mehreren Versuchen, mentaler Vorbereitungen und Lampenfieber letztendlich souverän geschafft mich auch von der letzten Bande endgültig zu lösen. „Fuck-you“ hab ich nicht gesagt, aber die Message ist angekommen :-)) . Ich war überrascht wie verdammt gut es mir getan hat. Ich fühlte mich frei, leicht und total gut. Ich habe kein schlechtes Gewissen bekommen, wie ich erst befürchtet habe. Endlich habe ich ein altes Spiel zu Ende bringen können. Und jetzt geht’s voller Elan weiter in meinem Leben 🙂 YEAH.

    • YEAH!!!
      Liebe Natascha, ich gratuliere dir ganz, ganz herzlich. Du hast es gemacht, es hat dir gut getan, du hast keine Gewissensbisse – alles ist gut! Ich zieh den Hut, denn einfach ist sowas nie. Aber: jetzt bist du einen Schritt weiter!!!
      Genieße, wie gut es dir tut. In vollen Zügen!!! Und wenn der Elan, den ich da rauslese, erstmal in Fahrt kommt, kann das nur heißen, dass dich nichts mehr stoppen kann!!! 🙂
      Ooooh, ich freu mich richtig für dich!

  2. Dein Artikel hat mich gut unterhalten und spricht dabei noch ein wichtiges Thema an. Ich habe Mathematik studiert (und abgeschlossen) und kann weder Einparken, noch mit Werkzeug umgehen noch interessiere ich mich die Bohne für Autos, Bier und Fußball.

    Ich habe eine Tochter und einen Sohn und glaube fest daran, dass es evolutionsbedingte Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt, die auch im Verhalten, den Vorlieben und den Fähigkeiten sichtbar werden – im Durchschnitt! Und es gibt wie überall im Leben Abweichungen, die wunderbar sind, das Leben interessant machen und jede Einzelne von uns besonders machen.

    Vorurteile, auf die ich oft treffe kommen von meiner Vorliebe für veganes, biologisches Essen mit Wildkräuter-Anteil 😉

    • Hallo Silvia,
      ja, du sagst es, die Abweichungen sind doch etwas wunderbares und sorgen erst für richtig Spannung! Und ich finde Wildkräuter super und bin überzeugt, dass auch diese Vorurteile sich legen werden ;-).
      Ich zieh übrigens den Hut davor, dass du Mathematik absolviert hast – und habe gleich wieder meine Oma im Ohr: „Ja also das ist ja auch…Mathe? Eine Frau?“ 😀 Vergessen wir das 😉
      Liebe Grüße
      Sonja

  3. Jaja, auch ich kenne das nur zu genau! Auch der schöne Satz: ‚du bist ja n super Kumpel, mit dir kann man alles machen! Aber als Frau…?!‘. Der hat recht viel Eindruck hinterlassen. Und bis heute merke ich immer wieder, dass es für einige Männer angenehmer ist, wenn sie ganz klar ihre Rolle ausleben können. Weil so praktische und selbstständige Frauen ja ihr Monopol als Lebensretter in Frage stellen könnten. Mir ist das mittlerweile egal, ich werde weiter meinen Männerberuf ausüben :-). Aber für das Oben gegenannte ‚fuck you‘ hab ich ne zeit lang gebraucht.

    • Hey Sandra,

      ooooh, der schöne Satz ist ja schon nen eigenen Beitrag wert! Das behalte ich mal im Gedächtnis… 😉

  4. Vielen Dank, der Text spricht mir total aus der Seele!!! Ich fand es immer schon blöd, dass man als Frau manchmal einfach gar nicht wahrgenommen wird, wenn man nicht einem bestimmten gesellschaftlichen Bild entspricht. Und ja, auch ich trinke mein Bier am liebsten aus der Flasche und kann dabei trotzdem weiblich sein 😉

    Passend dazu auch der Artikel von Meike Winnemuth: http://www.stern.de/panorama/meike-winnemuth-kolumne-tussi-terror-das-frauenbild-in-der-werbung-ist-daemlich-2188921.html

    Ich finds jedenfalls toll, hier solche Texte zu lesen, mit denen ich mich identifizieren kann. Weiter so!

    • Hallo Sabine,
      jej, das freut mich sehr! 🙂 „Gar nicht als Frau wahrgenommen werden“ trifft es hervorragend. Als ob wir zu einer anderen Kategorie gehören würden…
      Der Link zum Artikel ist super, Danke dir dafür! – Herrlich, dass diese blöden Frauenbilder auch scheinbar vielen anderen auffallen!
      Meine verhassteste Werbung momentan ist übrigens grad ständig im Radio: „Was? Du hast eine Sonne auf die Tür gemalt? Aber das geht doch nicht….!“ Bescheuerter Kreativitätskiller: das blöde Frauchen malt einfach so die gute Reihenmittelhaus-Tür voll, und der Mann muss erstmal klären, was MAN macht und was nicht…! 😉

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